Ein Waschsalon in Barcelona

Weißheiten

Es ist ein schmutziges Geschäft. Doch seit 1957 wird 
im wunderbaren Waschsalon im Herzen Barcelonas 
Weißes wieder weiß, Buntes bleibt bunt. Vom Theater­kostüm bis zum Kuscheltier: Ein Arbeitstag in der 
Tintoreria Huguet, wo sich fast alles im Kreis dreht.


Grenzenlose Herzlichkeit: der Waschsalon von Reyes Huguet (links) und Cristina Falco.

Morgens um zehn Uhr in Barcelona

Kurz nach zehn Uhr morgens. Barcelona erwacht. Langsam. Die Carrer
Nou de la Rambla ist ein verschlafenes Sträßchen im Bezirk Poble Sec am Fuß des 173 Meter hohen Montjuïc. Aus einem Lieferwagen werden Getränkekisten gehoben und unter dem halboffenen Rollladen in die Bar Monjuïc geschoben. Auf der anderen Straßenseite öffnet der Friseursalon Sarwar. Das Werbeplakat verspricht den Originalschnitt des brasilianischen Fußballstars Neymar – aber noch traut sich niemand. In der Bodega Vidal, einer Eckbar, wie es sie an fast jeder Kreuzung der Stadt gibt, fließt der Tallat in Strömen, ein starker Espresso mit einem Schuss heißer Milch. In Katalonien ein Klassiker, der den Kreislauf in Schwung bringt.

Nebenan im unscheinbaren Geschäft mit der Hausnummer 143 braucht diesen Kick niemand. In der Tintoreria Huguet geht es längst rund. Sie ist ein wunderbarer Waschsalon. „Hereinspaziert – das Spektakel beginnt“, steht an der Eingangstür auf Katalanisch („Entra i que comenci l’espectacle“). In diesem Fall kommt dies in Form von Reyes Huguet in schnellen Schritten auf jeden Besucher zu. Die Inhaberin vereint Vitalität mit grenzenloser Herzlichkeit, überschäumender Lebensfreude und unbändigem Tatendrang. Besucher sind nicht bloß Kunden, sondern echte Freunde. Wer es nicht glaubt, weiß es, nachdem er in ihren Armen gelandet ist.

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Vorhang auf, das Spektakel beginnt:
Waschsalon-Inhaberin Reyes Huguet liebt das Theater.

Waschsalon-Inhaberin Reyes Huguet liebt das Theater

Perfekte Stücke

„Wir waschen jede Menge Kostüme fürs Theater“, betont Reyes und zeigt die kleine Sammlung großer Erinnerungen im Glastresen: eine venezianische Maske, eine Federboa, ein Opernglas, schwarze Handschuhe. Stille Zeugen. „Ich liebe diese Gegenstände, weil ich das Theater liebe“, schwärmt sie. „Auf der Bühne werden Träume wahr. Und jeder, der ins Theater geht, erwartet ein perfektes Stück. Im übertragenen Sinn gilt das auch für die Wäsche, die der Kunde bei uns abgibt. Sie muss nach der Reinigung ebenfalls perfekt sein.“

Trommelwirbel. In diesem Theater der Träume spielen sechzehn Waschmaschinen die Hauptrollen. Die meisten rotieren schon am Morgen in hoher Frequenz. In die kleineren passen sieben Kilogramm, die beiden größeren fassen gut das Doppelte. An sechs Wochentagen wird hier schmutzige Wäsche gewaschen. Im Kreis dreht sich dabei vieles, nicht aber die Gespräche. Denn der 1957 von Reyes’ Eltern eröffnete Salon ist mehr als eine Wäscherei. Er dient als Treffpunkt, als Wohnzimmer, in dem sich die Kunden gerne aufhalten. Manche schütten hier beim Warten ihr Herz aus. Verlorene Liebe, Familienfeiern, Trauerfälle – Telenovela hautnah.

Das Geschäft ist ein charmant-skurriler Ort, kaum vier Meter breit, dafür rund dreißig Meter lang. Im hinteren Teil lebte früher die Familie. Heute befinden sich dort das Lager und der Arbeitsplatz der beiden Büglerinnen. Neben einem Fahrer, der Schmutzwäsche abholt und saubere ausliefert, beschäftigt der Betrieb derzeit drei Angestellte.

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„Wenn manche Kunden ihre Wäsche abliefern,
ist das, als gäben sie ihre Kinder in unsere
Obhut.“

Cristina Falco

Wie auf einer Blumenwiese

An den Wänden hängen kleine gerahmte Fotografien. Es sind Mitbringsel von Reyes’ Sohn. In Indien, auf den Philippinen, in Burkina Faso, Togo, Äthiopien, auf Sri Lanka und in Vietnam hat er mit der Kamera festgehalten, wie Menschen ihre Wäsche waschen. Un vernissage formidable. Dasselbe gilt für den Duft frischer Wäsche, der den Besucher sofort in der Nase kitzelt. Fast wie beim Spaziergang über eine Blumenwiese, angereichert mit einem Hauch Zitrone.

Wenn Bettdecken, Gardinen, Handtücher sorgsam verpackt auf ihre Abholer warten, vergisst man fast, wie es beginnt: mit schmutzigen, muffelnden, in Säcken zusammengepferchten Kleidern oder Heimtextilien, die für die Maschine ihrer Besitzer zu groß sind. Reyes und ihr Team sind gefordert. Täglich. Waschen, trocknen, bügeln, falten, packen, liefern. Und strahlen. Der Anspruch: nicht nur sauber, sondern rein! Ist Weißwäsche den Expertinnen am liebsten? Zeigt sich hier der Erfolg ihrer Arbeit am besten? „Nein“, entgegnet Reyes. „Weiß ist Weiß und Rot ist Rot. Wäsche muss sauber sein, egal welche Farbe sie hat. Das allein zählt.“

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Und wie hat der FC Barcelona
gespielt?
Wer wartet, erfährt im
Waschsalon viel Neues.

Lohnende Aussichten:
Berge von Schmutzwäsche. Und Kunden, denen es beim Warten das
Hemd auszieht.

Heißwäsche einmal anders

Und Cristina Falco ergänzt: „Manche Kunden wollen nur einen Rat.“ Selbst bei Sangriaflecken auf weißem Hemd bleibt sie souverän. Dafür gibt es den Flecklöser aus der Flasche. Ein deutsches Produkt, das fast alles kann. Eher treibt Gilb den Spezialistinnen die Sorgenfalten auf die Stirn. „Manche Kostüme sind Jahrzehnte alt, da zersetzt sich schon der Stoff und man muss höllisch aufpassen“, erklärt Cristina und stopft dabei Bettdecken und Handtücher aus Gitterbehältern, die an Einkaufswagen erinnern, in eine silberne Gewerbewaschmaschine. Zwanzig Minuten später ist die Vorstellung vorbei. Schnellwaschgang.

Nicht immer wird gewaschen. Mit einem Grinsen erzählt Cristina Falco, wie neulich ein Mann hereinstürmte und darum bat, sein Hemd zu bügeln. Weil er es so eilig hatte, wartete er – mit nacktem Oberkörper. „Der konnte sich sehen lassen“, findet die 47-Jährige. „Leider waren wir mit dem Bügeln nach fünf Minuten fertig.“ Heißwäsche einmal neu interpretiert.

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„Weiß ist Weiß und Rot ist Rot. Wäsche muss sauber sein, egal welche Farbe sie hat.“

Reyes Huguet

Prominente Kundschaft

Hemden bügeln gehört zu den leichtesten Übungen. Bekannt ist die Tintoreria Huguet indes dafür, dass sie selbst schwierigste Fälle löst. Da der Salon mitten im Theaterviertel liegt, waren die Damen schon immer Teil der Bühnenwelt Barcelonas. Das Apolo, eines der ältesten Theater der Stadt, das Molino, das Victoria und das Teatre Nacional de Catalunya sind nur vier große Namen auf der langen Kundenliste. Sie stehen für Bühnenkleider internationaler Stars wie der spanischen Schauspiel-Ikone Sara Montiel oder der Ensembles der Musicals Jesus Christ Superstar, We Will Rock You, Hair, Thriller Live und Mamma Mia.

Die extravaganten Kostüme der Tänzer bei Lady Gaga landeten ebenso in Reyes’ Maschinen wie die Outfits des U2-Sängers Bono oder Bruce Springsteens. Immer wieder klopfen Filmcrews an. Gewaschen wurde für Woody Allens Vicky Cristina Barcelona und für Red Lights mit Robert de Niro. Selbst das bunte Maskottchen-Kostüm „Periquito“ („Wellensittich“) des spanischen Erstligisten Espanyol Barcelona wurde hier von Schweiß und Niederlagen gereinigt. Und natürlich Kuscheltiere en masse, die großen Stars der Kleinen. Cristina: „Manchen Kunden müssen wir regelrecht Mut zusprechen. Wenn die ihre Wäsche hier abliefern, ist das, als gäben sie ihre Kinder in unsere Obhut.“

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(K)ein Fall wie jeder andere: Ob Rüschen
oder Tüll – die Expertinnen wissen stets Rat.

Handwäsche? Darüber kann Reyes Huguet nur lachen. In der Tintoreria stehen ihr ziemlich große Helfer zur Seite.

Der Aberglaube wäscht mit

Die Zufriedenheit der Kunden unterstreicht die üppige Autogrammsammlung an der Wand. Viele kennt Reyes persönlich. Regelmäßig laden die Theater sie zu Premieren ein. Übermorgen ist es soweit. Das Stück heißt Patas arriba, was sich als „Durcheinander“ übersetzen lässt. Die 68-Jährige liebt solche Abende. Abschalten, eintauchen. Und wissen: Zeitversetzt steigt das Spektakel auch im Waschsalon. Aus Aberglauben wäscht man die Kostüme nie vor der Premiere. Am nächsten Tag geht es rund. Reyes lacht. Vielleicht beginnt dann ausnahmsweise auch bei ihr der Tag mit einem Tallat …

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