Produktion

Der Herr der Farben

Wenn Ralf Henkelmann Hand anlegt, wird es bunt. In der Abteilung Vorserie verleiht sein Team Basislacken für Kfz-Anbauteile ihre Farbe. Einblicke in die faszinierende Welt des Tönens.

Sieht er was, das Sie nicht sehen? Worauf der Töner Ralf Henkelmann hier zeigt und was dahinter steckt, lesen Sie in diesem Artikel.

Im Lichtkabinett

Ralf Henkelmann sieht es auf den ersten Blick: „Etwas zu viel Blau“, konstatiert er und tippt mit dem Zeigefinger auf die linke der beiden gelb lackierten Farbtafeln. Er hebt sie auf Augenhöhe. Sie wirkt ein wenig dunkler als die andere. „Die rechte Tafel ist das Urmuster vom Hersteller, die linke unsere Probe“, erklärt er, setzt seine Brille wieder auf und lächelt. Wir stehen im Lichtkabinett im sogenannten Willingraum. Spezielle Lampen an der Rückseite sorgen für optimale Beleuchtung. Die mattgraue Polsterung der gegenüberliegenden Wand verhindert jegliches Reflektieren. Hier kontrolliert Henkelmann die Ergebnisse seiner Arbeit. Er ist der Herr der Farben. Mit seinem achtköpfigen Team stellt der Töner in der Vorserie Basislacke für Kfz-Anbauteile her. „Wir bringen Farbe ins Spiel“, strahlt er. Und wie! Hier wird im Produktionsmaßstab gemischt. Die Lackmengen reichen von 200 Kilogramm bis fünf Tonnen. Am Anfang steht die Rezeptur. „Sobald die Kollegen aus der Bereitstellung die Viskosität des Lacks eingestellt haben, geben wir die Farbe dazu“, erläutert der 51-Jährige.

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Im Blick: Henkelmann weiß, welche Tönwerte er am Rechner einstellen muss, damit das Ergebnis bei der Sichtprüfung im Willingraum stimmt.

Alles eine Frage der Zutaten

Doch vor dem bunten Treiben steht die graue Theorie. Jedem Rezept liegt eine Tönkarte bei, die das Tönziel spezifiziert, den vom Fahrzeughersteller vorgegebenen Farbwert. Damit zieht sich der Leiter der Abteilung Vorserie in sein liebevoll „Kabuff“ genanntes Büro zurück. Am Rechner bestimmt er, gegebenenfalls nach Abgleich mit den Werten der letzten Charge, welche Mengen welcher Tönpasten die Rezeptur enthalten muss. Bei der Berechnung hilft ihm der Farbtonnavigator, eine Software. Allerdings liegen in der Vorserie zu den meisten Farben noch keine Daten vor, auf die sich die Berechnung stützen ließe. Umso mehr kommt es auf das Know-how des Töners an. Henkelmann schätzt, wie er das Rezept anpassen muss, um die Vorgaben des Fahrzeugbauers einzuhalten. Für 400 Kilogramm „Black Rubin“ beispielsweise ermittelt er: Man nehme 3 Kilo Schwarz, 6,5 Kilo Rot, 240 Gramm Blau und 840 Gramm Weiß. Auch wenn es sich um relativ große Mengen handelt, kommt es auf jedes Gramm an. Am Ende entscheidet sich an Nuancen, ob der Kund mit dem Ergebnis zufrieden ist. Mit dem Einsatzzweck variiert die Zahl der Pasten: „Für Autoteile verwenden wir je Lackfarbe bis zu acht Tönpasten, im Schnitt sind es fünf bis sechs.“

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Weil Chemie lebt

Die ermittelten Mengen notiert Henkelmann auf der Tönkarte und übergibt diese den Kollegen. Die machen sich ans Mischen. Die Pasten werden sorgsam abgewogen, in einen fahrbaren Behälter gefüllt und eine gute halbe Stunde lang verrührt. Anschließend wird probelackiert. Dazu simuliert Wörwag das Verfahren, nach dem der Kunde das Bauteil beschichtet. Nun könnte man meinen, die einmal bestimmte Mischung sei dauerhaft verwendbar. Irrtum! Schwankungen bei Rohstoffen und Applikation erfordern, jede Charge jeder Farbe in der Vorserie stets aufs Neue zusammenzustellen „Chemie lebt“, bringt es Henkelmann auf den Punkt. Deshalb verlangt seine Arbeit viel Erfahrung. Die hat er. Seit 1989 ist der gelernte Maler bei Wörwag in Zuffenhausen als Töner tätig. An die Anfänge erinnert er sich noch gut: „Daimler war der erste Autohersteller, der Kunststoffteile farbig lackierte. Los ging es damals mit drei, vier Farben.“ Heute laufen täglich 15 bis 20 Lacke durch seine Abteilung. Farbe ist seit jeher Henkelmanns Leidenschaft. Das erkt man. Sein Enthusiasmus steckt an, die Kollegen suchen seinen Rat. Immer wieder wird er auf dem Weg durch die Produktionshallen angesprochen: „Ralf, kurze Frage …“ Obwohl er meist unter Termindruck steht, nimmt er sich die Zeit, den Kollegen weiterzuhelfen. Henkelmann hat ein feines Gespür – für Menschen wie für Farben. Unentbehrlich in seinem Beruf. „Wichtiger noch als die formale Qualifikation“, wie er sagt.

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Farbliebhaber und Teamplayer

Zunächst muss ein Töner alle Farben erkennen. Zur Eignungsprüfung gehören deshalb Ishihara-Farbtafeltests, mit denen sich unter anderem eine Rot-Grün-Schwäche ausschließen lässt. Überdies müssen sich angehende Töner dem Munselltest unterziehen (Infokasten auf Seite 37). Der hat es in sich. Dennoch schränkt Henkelmann ein: „Ein guter arbsehtest macht noch keinen guten Töner“ – und spielt damit auf das Gespür für die Materie an.Viele hätten es schon versucht, aber nicht geschafft. Eine formale Ausbildung gibt es ebenso wenig wie spezielle Anforderungen an den beruflichen Werdegang. Ob man vorher als Maler oder als Chemikant gearbeitet habe, sei egal. Auf das Talent komme es an. Henkelmann: „Wenn ich merke, dass sich jemand für den Job eignet, gebe ich mein Wissen gerne weiter.“ Für den Töner in spe heißt es dann, dem Meister auf Schritt und Tritt zu folgen, zu beobachten, zu lernen und auszuprobieren. Bis der Anwärter so weit ist, dauert es mindestens drei Jahre. Warum, zeigt das weitere Prozedere: Drei Stunden achdem die erste Tafel mit dem neu gemischten Farbton probelackiert wurde, landet sie auf Henkelmanns Schreibtisch. Zeit für den BYK-mac i. Was klingt wie ein Mittagssnack, ist in Wahrheit ein Hightech-Messgerät. Auf die Farbtafel gesetzt, misst es die Farbwerte aus sechs Winkeln, von denen fünf verwendet werden: Draufsicht (45 Grad), Schrägsicht (75 und 110 Grad) sowie Glanzwinkel (15 und 25 Grad). Das ganze dauert etwa eine Minute. Die Messwerte vergleicht Henkelmann mit den Sollwerten des Tönziels. Ein gutes Stück weit ist er auch Herr der Zahlen. Doch selbst wenn diese innerhalb der Toleranzen des Herstellers liegen, ist das Ziel noch nicht erreicht. Erst wenn die Farbtafel auch die Sichtprüfung und den Qualitätscheck bestanden hat, geht sie zur Freigabe an den Kunden.

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Der weite Weg zum Tönziel

Alpen und Dolomiten nach Venedig. „22.000 Höhenmeter in vier Wochen, es war herrlich!“ Die Natur bietet Erholung und Inspiration. Nirgends, findet Henkelmann und deutet mit gestrecktem Arm zum Fenster, gebe es schönere Farben als im Freien: „Abendhimmel, Morgenrot, Herbstwald – ich könnte stundenlang auf dem Hügel sitzen und den Wald bewundern.“ Im Willingraum des Lichtkabinetts inspiziert der Fachmann Farbtafeln und Urmuster. „Mit der ersten Probelackierung liegen wir in der Regel schon bei achtzig Prozent“, kommentiert er. Pro Charge fielen vier bis fünf Tönschritte an. Innerhalb von zehn Arbeitstagen sollte die Lackfarbe stehen. Der Name des Raums stammt übrigens vom Ingenieur Achim Willing, der ihn zusammen mit. Daimler zur visuellen Bewertung der Farbtöne von Anbauteilen entwickelt hat. Die Abnahme lackierter Teile nach eben diesem Verfahren ist heute im Automobilbau Standard. Nebenan stehen drei Lichtkabinen. Durch Variation des Lichts lässt sich dort die Wirkung einer Lackfarbe beispielsweise bei Tag oder unter einer Laterne simulieren. Wie der BYK-mac i betrachtet auch Henkelmann die Farbtafeln in Drauf- und Schrägsicht sowie im Glanzwinkel. „Ich schaue maximal dreißig Sekunden auf eine Tafel“, verrät er. „Außerdem kontrolliere ich zuerst die hellen Farben, kräftige Töne wie Rot hingegen am Schluss. Sonst wäre das Ergebnis verfälscht.“ Dann würde nicht einmal er erkennen, dass im Gelb der Blauanteil verringert werden muss.

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Im Detail: Mit dem BYK-mac i misst Henkelmann die Farbwerte der zur Probe lackierten Farbtafeln.

Farbe bekennen: Haben Sie das Zeug zum Töner?

Haben Sie die Zahlen in den Farbkreisen erkannt? Los geht es weiter unten mit der 29. In den Kreisen von oben nach unten zu sehen: 3, 26, 45 und – nichts! Im letzten Kreis steht keine Zahl. Mit solchen Ishihara-Farbtafeln lässt sich unter anderem testen, ob der Proband an einer Rot-Grün- Schwäche leidet – das absolute Ausschlusskriterium für einen Töner. Die Motive auf den Tafeln setzen sich aus Punkten zusammen, die in Größe und Farbe variieren. Menschen mit normalem Farbsinn lesen sie als Zahlen. Menschen mit Farbsehschwäche tun sich schwer damit oder sehen diese gar nicht. Eine Rot-Grün-Schwäche tritt in den westlichen Ländern bei 9 Prozent der Männer auf, aber nur bei 0,8 Prozent der Frauen. Der Test geht auf den japanischen Augenarzt Shinobu Ishihara zurück, der die Prüfbilder 1917 publiziert hat. Die Verlässlichkeit ihres Farburteils müssen angehende Töner zudem anhand des Munselltests nachweisen (Bild unten). Er besteht aus vier Reihen mit jeweils 25 Farbchips. Die Chips am Anfang und am Ende jeder Reihe sind fix, die jeweils 23 Zwischentöne lassen sich verschieben. In der Prüfung gilt es, die Töne in mindestens zwei Reihen komplett richtig anzuordnen. Der Test steht bei der Einstellung an und muss regelmäßig wiederholt werden. Er kommt seit fünfzig Jahren in der Industrie zum Einsatz, aber auch in Schulen und der öffentlichen Verwaltung.

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Galerie

Die Motive auf den Tafeln setzen sich aus Punkten zusammen, die in Größe und Farbe variieren. Menschen mit normalem Farbsinn lesen sie als Zahlen. Menschen mit Farbsehschwäche tun sich schwer damit oder sehen diese gar nicht.

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Alles erkannt? Wir suchen nicht nur Töner (m/w)

Alle Infos zum Beruf des Töners gibt es bei Uwe Ortmann, uwe.ortmann@woerwag.de.

Alle offenen Stellen finden Sie im Internet auf www.woerwag.com/karriere.

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