Rolls-Royce

Die Kirsche auf der Torte

Rolls-Royce treibt die Handarbeit auf die Spitze. Eine manuell aufgetragene Zierlinie vollendet die Edelkarossen aus dem englischen Goodwood. Der Lack dazu kommt von Wörwag.

Weil jeder Pinselstrich zählt: Rolls-Royce vertraut bei der Zierlinie auf Qualität von Wörwag.

Alle sind sprachlos

Eine Geschichte erzählt Andreas Bäuerle, Leiter der Abteilung Allgemeine Industrieflüssiglacke bei Wörwag, immer wieder gerne: Auf einer Fachtagung wird engagiert über eine neue Lackieranlage in England diskutiert. Es geht dabei um 14 moderne elektrostatische Hochrotationszerstäuber, effizientere Prozesse, die perfekte Lackierung. Einen Lack für Luxusautos. Für Rolls-Royce. Den Gipfel der Exklusivität auf vier Rädern. „Und dann“, berichtet ein Teilnehmer aufgeregt, „kommt am Ende einer und zieht zwei Zierlinien. Freihändig!“ Die Zuhörer staunen. Das ist Bäuerles Stichwort. „Und der Lack ist von uns“, ergänzt er. Alle sind sprachlos.

Ortswechsel. Goodwood, Südengland. Im feinsten Autowerk der Welt bauen 800 Fachkräfte jährlich rund 3 600 Edelkarossen. Die Fabrik wirkt klinisch sauber. Extravaganz ist hier Programm. Das schätzen die Queen, der Sultan von Brunei und natürlich die Beatles. Die Fahrzeuge mit der markanten Kühlerfigur Emily sind Kult. Und kaum bezahlbar. Kein „Rolls“ kostet unter 200 000 Euro, die meisten liegen mindestens beim Doppelten. Aber über den Preis spricht eigentlich niemand. Extras sind Serie, edle Materialien die Regel. Kein Fahrzeug ist wie das andere.

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100 Milliliter Exklusivität: der Wörwag-Lack für Rolls-Royce.

Andreas Bäuerle betreut bei Wörwag als Leiter des Kundenlabors für Industrieflüssiglacke die Linierfarbe für Rolls-Royce.

Lob der Handarbeit

So viel Individualität ist nur in einer Manufaktur machbar. Für das Modell Phantom beispielsweise werden rund 600 Arbeitsstunden veranschlagt. Zum Vergleich: Ein Kleinwagen aus Massenproduktion ist in knapp fünfzehn Stunden lieferfertig. Bei Rolls-Royce schwört man auf das komplexeste aller Werkzeuge: die menschliche Hand. In ihr sitzt das Fingerspitzengefühl, das rund hundert Tastzellen je Quadratzentimeter ermöglichen. Mit den Fingern kann der Mensch Strukturen erspüren, die kleiner sind als 200 Mikrometer. Keine Maschine behandelt Material mit solcher Delikatesse — und gibt ihm dabei so viel Persönlichkeit mit.

Mark Court ist der Künstler im Werksteam. Sein Auftritt folgt, wenn das Fahrzeug beinahe fertig ist. Weder zieht er Schrauben nach, noch kontrolliert oder poliert er. Er zelebriert, setzt der Sahnetorte die Kirsche auf. Dadurch erst wird das Meisterwerk vollendet. Dabei dürfte er sich fühlen wie der Schlagzeuger bei der „Storm Clouds Cantata“ aus dem Hitchcock- Film „Der Mann, der zu viel wusste“. Geduldig wartet er auf seinen Einsatz, ehe er im entscheidenden Moment majestätisch die Becken zusammenschlägt. Schlussakkord.

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Linierfarbe in kleinen Dosen

Courts „Becken“ ist ein Spezialpinsel aus dem Künstlerbedarf. Die Borsten stammen aus dem Schweif eines Eichhörnchens. Damit verpasst Court, Anfang 50 und längst eine lebende Legende, jedem Rolls die sogenannte Coachline (siehe kleines Foto oben). Die Doppellinie an jeder Flanke veredelt auf Kundenwunsch das Luxusmodell. Da jede Linie sechs Meter misst, trägt Court je Fahrzeug 24 Meter auf. Dazu braucht er rund 50 Milliliter Farbe und vier Stunden. Und eine extrem ruhige Hand. „Ich zeichne die Linie frei, das ist ein Talent“, sagt er. „Ich muss den Pinsel mit gleichmäßigem Druck führen, sonst wird die Linie mal dicker, mal dünner.“

Dabei hilft dem Künstler eine Farbe, die Wörwag exklusiv zu diesem Einsatz fertigt. Sie trägt die Typenbezeichnung W240 L. Der Buchstabe L steht hier für Linierfarbe. Die Grundrezeptur wurde 1999 für die Zierlinie an BMW-Motorrädern entwickelt. Schnell sprach ANDREAS BÄUERLE arbeitet seit 2001 bei Wörwag. Der gelernte Lacklaborant betreut als Leiter des Kundenlabors für Industrieflüssiglacke die Linierfarben für Rolls-Royce. „Im Moment haben wir 30 Farbtöne rezeptiert. Wir erfüllen aber auch Sonderwünsche. Jeder Rolls-Royce ist ein Meisterwerk, ein absolutes Unikat.“ sich die Qualität bis nach England herum. Seit 2003 liefert Wörwag pro Jahr rund 200 Kilogramm des Lacks nach Goodwood — in sorgfältig gepackten kleinen Paketen mit meistens nur zehn handlichen 100-Milliliter-Döschen. Künstlerbedarf aus Zuffenhausen. „So ein Produkt betreuen zu dürfen, ist wirklich faszinierend“, freut sich Bäuerle.

Andreas Bäuerle

arbeitet seit 2001 bei Wörwag. Der gelernte Lacklaborant betreut als Leiter des Kundenlabors für Industrieflüssiglacke die Linierfarben für Rolls-Royce. „Im Moment haben wir 30 Farbtöne rezeptiert. Wir erfüllen aber auch Sonderwünsche. Jeder Rolls-Royce ist ein Meisterwerk, ein absolutes Unikat.“

Weil jeder Strich zählt

Was macht die Linierfarbe von Wörwag so einzigartig? Sie bildet keine Blasen, ermöglicht einen äußerst sauberen Strich, und Court kann den Pinsel mehrmals ansetzen, ohne dass man dies später sieht. „Darauf müssen wir den Lack eigens einstellen“, erläutert Mike Mischkulnik, der bei Wörwag im Kundenlabor die Wünsche von Rolls-Royce erfüllt. „Die Farbe muss stabil bleiben.“ Vor allem bei Metallictönen ist das schwierig, weil die Entwickler dafür sorgen müssen, dass die Aluminiumplättchen gleichmäßig aufschwimmen. Oft dienen Leder- oder Stoffmuster als Vorlage. Die Entwicklung einer neuen Linierfarbe dauert bis zu vier Monaten. Manchmal sind 30 Versuche nötig. „Bisher haben wir jeden geforderten Farbton hinbekommen“, so Mischkulnik. Keine Frage: Auch die Herstellung ist eine Kunst. Auf die Qualität des Lacks kann sich Court bei jedem Pinselstrich verlassen.