Grundierung

Das Geheimnis von R1218

Es kommt darauf an, was drunter ist. Seit fünfzehn Jahren erweist sich die Grundierung von Wörwag als Multitalent. Niemand sieht den sogenannten Primer, doch jeder braucht ihn. „Good Lack“ — ein Blick auf das Erfolgsrezept.

Die Ware Größe: Die Primar-Produktion bei Wörwag in den USA.

Good Lack

Thomas Stehle greift sich eine Kunststofftafel. Fünfzehn Zentimeter lang, zehn Zentimeter breit. Fast täglich lackiert der Experte aus der Primerentwicklung bei Wörwag viele dieser Platten zu Testzwecken. Heute trägt er eine mittelgraue Grundierung mit Hydrobasis- und Klarlack auf, um sie danach systematisch kaputt zu machen. Dazu hat er in die Platte mit einem Messer ein Karomuster geritzt. Diesen Gitterschnitt zieht er nun mit Klebeband ab. Andere Platten beschießt er aus kontrolliertem Abstand unter jeweils vorgegebenem Druck mit Stahlschrot. Jetzt ist der Lack an vielen Stellen so gut wie weg. Abgeblättert. Losgelöst. Dennoch wirkt Stehle entspannt. Er hat es bereits geahnt. Dieser Lackaufbau musste scheitern. „Wenn der Primer nicht passt, kann der Lack am Anfang glitzern und funkeln wie er will, nach der ersten Waschstraße hat sich das erledigt.“

Genau darum ging es bei dieser Simulation: Was nicht haftet, kann auch nicht glänzen. Verhindern lässt sich so etwas mit einer auf die Anforderungen abgestimmten Grundierung. Stehle greift eine weitere Kunststofftafel aus dem Prüfstand. Im Vergleich sieht man den Unterschied. Trotz identischer Belastung hat der Lack sogar an den geritzten Stellen gehalten. Er strahlt fast ohne sichtbare Spuren der Tortur. Diese Rezeptur passt. Der Primer ist der heimliche Held, der hält, was er verspricht.

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Wörwag-Experten: Thomas Stehle und Georg Bussmann (rechts) .

Einer für alle

Treibende Kraft bei der Entwicklung der Grundierung war vor 15 Jahren Ramona Baumgärtel, heute Abteilungsleiterin Entwicklung Technologie Pasten und Decklacke. Mit Georg Bussmann, der inzwischen den internationalen Technologie- und Knowhow-Transfer verantwortet, brachten sie das Wöwag- Erfolgsprodukt gemeinsam auf den Weg.

Eingesetzt wird die Grundierung beispielsweise auf Kunststoffstoßfängern oder Spiegelschalen von Fahrzeugen. „In dieser Zusammensetzung und mit diesen Eigenschaften macht das im Moment keiner so wie wir“, sagt Bussmann. Einer für alle Gestatten: R1218. Hinter dem Code steckt kein Androide aus der Zukunft, sondern das Wörwag-Produkt für alle Fälle. Ein Dauerbrenner, der seit seiner Markteinführung 1999 die Kunden überzeugt. Jährlich verlassen zweitausend Tonnen die Werke in Zuffenhausen, Langfang (China), Lafayette (USA), Barcelona und Kapstadt — vom Fünf-Kilogramm-Eimer bis zum tonnenschweren Container.

„Unser Primer ist ein Erfolgsprodukt. Mit diesen Eigenschaften macht das im Moment keiner so wie wir.“

Georg Bussmann

Drei Jahre bis zur Serienreife

Längst steht R1218 weltweit für Spitzenqualität. Die Vorteile des Primers sind vielfältig: Er lässt sich auf nahezu allen Anlagen verarbeiten, hält auf den meisten Werkstoffen und erfüllt die Spezifikationen der Automobilbauer. Lieferbar ist er in unzähligen Farben und Einstellungen. Nur mit dieser einen Grundierung deckt der Anwender sämtliche Lackierprozesse ab, ob trocken, nass in nass oder elektrostatisch.

R1218 hat noch einen weiteren Trumpf im Ärmel. Bei allen Automobilherstellern ist er im Ersatzteildienst zugelassen: Bauteile werden grundiert ins Lager gestellt und können auch nach längerer Zeit prozesssicher fertiglackiert werden. „Viele finden Primer als Produkt nicht sexy, weil sie nicht glänzen“, weiß Bussmann. „Man sieht sie ja nicht einmal. Für einen sicheren Lackaufbau ist die Grundierung allerdings unentbehrlich.“

Bussmann erinnert sich noch gut an die Anfänge des innovativen Primersystems Ende der Neunziger. Bis zur Serienreife vergingen fast drei Jahre. In dieser Zeit mussten die Entwickler lernen, Bewährtes über Bord zu werfen. Denn wer aus sechs oder sieben Primervarianten mit jeweils anderen Eigenschaften und Anwendungsfeldern ein einziges Produkt machen will, muss neue Wege gehen. Er muss mutig sein, tüfteln — und immer wieder aus Erfahrungen lernen. Die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Heraus kam ein Primer, den es so noch nicht gab. Untypisch ist in R1218 vor allem die Kombination der Bindemittel. Doch mit den Zutaten allein ist es nicht getan. „Der Trick ist der Produktionsprozess“, verrät Bussmann.

Von transparent bis glänzend

Heute gibt es R1218 in 130 Rezepten und Farbvarianten, von transparent bis glänzend, von schwarz bis schiefergrau. Auch Rot, Weiß, Grün oder Beige sind möglich. Für John Deeres Traktoren wurde ein Primer in einem ganz speziellen Grünton entwickelt. Ein anderes Unternehmen suchte eine glänzende Grundierung, um bei der Fehlerkontrolle etwaigen Schmutzeintrag besser zu erkennen. Für Türgriffe in Fahrzeugen hält Wörwag eine transparente Variante bereit, bei der Kratzer weniger auffallen.

Neben dem breiten Einsatzspektrum überzeugt der Primer durch höchste Zuverlässigkeit. Bussmann: „Viele Kunden verlangen einen Aufbau, der sich auch mit technisch weniger anspruchsvollen Verfahren realisieren lässt. Und egal, was sie dann mit unserem Primer machen, er funktioniert“, vor allem auf Märkten wie Brasilien, Mexiko oder China. Dort können erst wenige Fabriken die Arbeitsgänge beim Lackaufbau bündeln. Auch deshalb bildet R1218 in China die umsatzstärkste Produktgruppe.

Thomas Stehle und Georg Bussmann

gehören zu den Primerexperten bei Wörwag. Bussmann, heute Leiter International Technology Management (ITM), hat die Grundierung vor 15 Jahren mitentwickelt. Sein Motto: „Auch Primer können einen begeistern.“ Stehle arbeitet seit 1991 bei Wörwag. Der gelernte Kfz-Lackierer sowie Lack- und Kunststofftechniker kümmert sich um die kontinuierliche Primerentwicklung. Seine Devise: „Man kann das Rad nicht jeden Tag neu erfinden, muss es aber am Rollen halten.“

Ausgiebige Tests

Wörwag bietet Lösungen nach Maß. Diesem Ziel dienen auch Stehles Lackierversuche. Muss der Primer besonderen Ansprüchen genügen, kümmern sich zunächst die Kundenberater darum. Ihnen stehen die Grundformulierung von R1218 sowie ein Baukastensystem zur Verfügung. Damit lassen sich unter anderem die Viskosität oder die Applikationsart variieren. Werden die Anforderungen komplexer, kommt Stehle ins Spiel. Gründe für Eingriffe in die Rezeptur sind beispielsweise der Austausch von Rohstoffen zur Erfüllung neuer Umweltauflagen oder zur Vermeidung von Lieferengpässen. Natürlich erfordert dies das komplette Prüfprogramm der jeweiligen Spezifikation.

Auch neue Farbtöne oder Änderungen der Zusammensetzung der Lösemittel erfordern ausgiebige Tests. Je nach Intensität und Komplexität dauert es bis zu sechs Monaten, ehe der modifizierte Primer perfekt ist. „Lack lebt, bisweilen verhält er sich sogar richtig komisch“, schmunzelt Stehle. „Manches steht im Chemiebuch ganz anders. Denkt man sich aber in die Dinge hinein, kommt man ihnen immer auf den Grund.“ Darum hat er in seinem Entwicklungslabor kein Problem damit, wenn an den Testtafeln der Lack ab ist. Ausnahmsweise.