Interview

„Creme ist für die zweite Hochzeit“

Philipp Tingler könnte vielen Menschen helfen. Vor allem Bräuten. Unter anderem in einem Blog klärt der Philosoph und Schriftsteller über farbliche Fehltritte auf. Zu seinen Lieblingsfarben gehört Weiß keineswegs. Den meisten Bräuten stehe es ohnehin nicht, findet er. Und nennt weitere Gründe.

Philipp Tingler ist Schriftsteller, Blogger, Philosoph und Literaturkritiker aus der Schweiz

Ist Weiß Ihre Lieblingsfarbe?
Durchaus nicht. Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen ich Weiß fürchterlich finde.

Um sich so vehement dagegen auszusprechen, muss man die Farbe eigentlich ziemlich gern haben. Oder?
Ich gestehe, dass Weiß recht anspruchsvoll ist. In der Tat ist es eine der schwierigsten Farben. Obschon viele Menschen das Gegenteil denken.

Gibt es einen weißen Gegenstand, der Ihnen gefällt?
Etliche. Porzellan etwa mag ich am liebsten in Weiß, ohne Dekor.

Wann gefällt Ihnen Weiß nicht?
Die Farbenlehre sagt: Hell macht breit. Deshalb muss man mit weißen Hosen oder gar Röcken vorsichtig sein, sofern man nicht sehr schlank ist. In der Herrengarderobe sollten nur T-Shirts, Smokinghemden sowie Dinnerjackets für Schiffsreisen und Anlässe im Freien weiß sein. Und die sprichwörtliche weiße Weste zum Frack. Wegen Regel Nummer eins gilt insbesondere: keine weißen Gürtel. Das betrifft jedes Geschlecht und Alter. Es sei denn, man ist jünger als zehn.

Welche Farbe hat Ihr Auto?
Im Fahrzeugbrief steht „blau-metallisiert“. Ich habe die Farbe allerdings nicht wirklich ausgesucht, sondern den Wagen genommen, wie er war: Mercedes R107, Jahrgang 1980. Der Farbton passt aber gut dazu.

Wo gibt es Weiß bei Ihnen zu Hause?
An den Wänden zum Beispiel. Dann beim Kurland-Porzellan. Die Saarinen-Stühle nebst Tisch sind ebenfalls weiß. Wie erklären Sie einer Braut, dass sie im weißen Kleid unvorteilhaft aussieht? Weiß trägt auf. Das sollte jede Braut bedenken. Schon ein Eierschalenton kann einen großen Unterschied bedeuten, nicht Creme. Das ist für die zweite Hochzeit.

 

„Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen ich Weiß fürchterlich finde. Meine Lieblingsfarbe ist Mittelbeige.“

Philipp Tingler

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn an der Ampel neben Ihnen ein weißes Fahrzeug hält?
„Nicht schon wieder!“ Es sei denn, es handelt sich um einen Rolls-Royce Phantom. Dann denke ich: „Hello, Kanye!“

Warum ist Weiß bei den Autolacken so beliebt?
Weiß hat das Image, klassenlos zu sein. Nach konventioneller Farbpsychologie gilt es außerdem als diskret, sensibel, pflichtbewusst. Halter weißer Wagen waschen diese angeblich häufiger und befolgen die Straßenverkehrsordnung. Nach Rock ’n’ Roll klingt das nicht gerade. Dazu passt, dass manche Weiß wegen der Sicherheit wählen. Helle Farben sieht man besser. „Wer die sicherste Farbe fahren will, der sollte sich beim Autokauf für ein mintgrünes Fahrzeug entscheiden“, habe ich im Internet gelesen. Tja. Leider leben wir nicht mehr im Jahr 1985. Oder zum Glück.

Philipp Tingler

ist Schriftsteller, Blogger, Philosoph und Literaturkritiker. Tingler hat an der Universität St. Gallen, an der London School of Economics und an der Universität Zürich Ökonomie und Philosophie studiert sowie an der Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich gearbeitet. Er lebt in Zürich.

www.philipptingler.com

Welche Farbe passt zu welchem Fahrzeug? Und warum?
Hier lassen sich die drei wichtigsten Farbregeln aus der Garderobenwissenschaft übertragen. Als da wären: Erstens müssen Damen und Herren über 35 mit jeder Art von Farbe sehr vorsichtig umgehen. Dies gilt auch für die Wahl ihrer Autofarbe. Bunte Autos stehen jungen Leuten. Zweitens: Forcierte Mixturen, die unkonventionell wirken sollen, sind meist nur peinlich, zum Beispiel Anzüge in Leuchtfarben. Das automobile Äquivalent wären pastellene Kleinwagen. Oder Rennstreifen auf französischen Großraumlimousinen. Drittens: Menschen mit Übergewicht tragen mit Vorteil gedeckte Farben. Dieser als Helmut-Kohl-Regel bekannte Leitsatz lässt sich ebenfalls ungebrochen auf die automobile Welt übertragen. Größere Fahrzeuge kreuzen vorzugsweise in dunkleren Farben auf: anthrazit, jagdgrün, tiefseeblau. Hellgrau wäre hier schon extrem.

Welche Rolle spielt Weiß in der Kunst?
Eine wichtige. Neben Gold und Blau zählt Weiß zu den prominentesten Farben der Kunstgeschichte. Weiß symbolisiert nicht nur die Unschuld. Spätestens seit der Wiederentdeckung der antiken Tempelpracht, die in der Antike selbst, wohlgemerkt, ebenso bunt bemalt war wie die Plastiken, steht es auch für die Werte der Aufklärung: Gleichheit, Gerechtigkeit, Vernunft. Eine sehr tugendhafte und rationale Farbe also.

Und zum Schluss: Welche ist denn nun Ihre Lieblingsfarbe?
Mittelbeige.

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