Essay

Neon

Augen zu und durch: Neon sorgt für Aufsehen – und Aufregung. Denn die Lichter der Großstadt leiten dorthin, wo das Leben pulsiert. Neon ist weniger Farbe als vor allem eine Lebenseinstellung.

Neon erinnert unseren Autor Thorsten Schönfeld an den Chemieunterricht

Herzlichen Glückwunsch! Gleich haben Sie es überstanden. Konnten Sie sich vom Cover dieser Ausgabe erholen? Neon, grell, schrill. Haben Sie die Sonnenbrille schon abgenommen? Nach dem letzten Artikel entführen wir Sie nochmals in die Welt der Edelgase. Genauer gesagt: In den Chemieunterricht der 12. Klasse, als ich neben Peter die Geheimnisse des Elements Neon begriff. Im Schulbuch hatte er fast alle Seiten mit Textmarker gekennzeichnet. Gelb, grün, blau – alles Neonfarben. Cool. Spätestens seit diesem Essay weiß ich indes, dass es ebenso schwer ist, die Faszination Neon in Worte zu fassen, wie es damals für Peter war, im Chemiebuch Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Sonnenbrille sollte beim Kontakt mit Neon immer dabei sein. Vielleicht setzen Sie sie in Gedanken gleich wieder auf. Denn wir versetzen uns auf die Skipisten der Achtzigerjahre, in die Zeit vor den Lawinenpiepsern. Die Zeit, als analoge Sicherheitsvorkehrungen etwa in Form nebeldichter Kleidung mehr waren als ein Mode-Desaster. Nie werde ich jene Abfahrt am Brienzer Rothorn in der Schweiz vergessen, auf der ich bei widrigem Wetter kilometerlang dem neongelben Ganzkörper-Outfit meines Vetters folgte, nur um an der Talstation festzustellen, dass ich mit dem älteren Herrn, der jetzt vor mir stand, leider nicht verwandt war. Nachts lässt sich Neon ohne Sonnenbrille genießen. Was wäre der New Yorker Times Square ohne Leuchtreklame? Oder Las Vegas? Es sind die Lichter der Großstadt. Hell, funkelnd, faszinierend und verbunden mit Petula Clarks Ohrwurm: „Bist Du allein, von allen Freunden verlassen, dann geh in die Stadt. Downtown. Da wo das Leben überall in den Straßen so viel Lichter hat. Downtown.“ Allerdings sollte man wissen, wann es reicht. Zu viel Neon tut nicht gut. Peter hatte in Chemie immer eine Vier.

 

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