Farbtrends

Das Gespür für Farbe

Von wegen Hellseher und Schwarzmaler: Wer neue Farbtrends sucht, muss der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Trends werden nicht gemacht, sie wachsen heran. Auch Wörwag fühlt den Puls der Zeit. Wie das geht, zeigt die Kreation neuer Trendfarben für Exterieurlacke.

Aus der Kristallvase der Designerin Patricia Urquiola leiten Farbforscher Chrystal Caramel ab. Sie gehört zur Farbenwelt „Recreate Century“.

Eine Frage der Interpretation

Für Kristin Jandke ist diese Vase eine Kristallkugel, in ihr sieht die Farbtrendforscherin aus Stuttgart die Zukunft. Obwohl sie das nicht gerne hört. Den Gebrauchsgegenstand mit dem sperrigen Namen „Baccarat Variations Vase 06A“, entworfen von der spanischen Designerin Patricia Urquiola, hat Jandke auf der Möbelmesse in Mailand entdeckt. Er verbindet Handwerkskunst mit innovativen Bearbeitungsverfahren und ausdrucksstarker Ornamentik. Spontan denkt sie an das 17. Jahrhundert. Assoziationen mit Karamell, das in einer Pfanne zerfließt. Wärme. Süße. Der heiße Zucker wird zur Metapher einer ganzen Welt. Einer Farbwelt. Einer historisierenden Welt, die sich in der Kristallvase dank einzigartiger Glasschneidetechnik in seltener Vielfalt spiegelt – von dunkelbraun bis weiß, von harten Akzenten bis zu milden, warmen Tönen. „Das Geheimnis unserer Inspiration sind nicht die Quellen. Die Kunst liegt darin, sie zu interpretieren“, verrät Jandke. „Inspiration hört sich nach Orakel an. Für mich sind es Indizien.“ Die neue Trendfarbe nennt sie Chrystal Caramel.

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Den Trends auf der Spur: Kristin Handke und Professor Dr. Christoph Häberle.

Kreative Asservatenkammer

Die Indizien werden akribisch gesammelt. Dazu gehören Urlaubsfotos, Stoffmuster, Skizzen, Magazinartikel, Verpackungen, Fliesenscherben, Steine, Modeaccessoires, Kosmetik sowie Bilder exklusiver Produkte wie der Vase. Die Büros der Designagentur B612 in der Tübinger Straße im Stuttgarter Westen sind eine Asservatenkammer der Kreativität. Viele Sammelobjekte werden an das sogenannte Moodboard gehängt. Diese Wand lebt. Sie verändert sich. Durch Umhängen, Ergänzen und Gruppieren kristallisieren sich neue Lebens- und Farbwelten heraus. Der Name der Agentur, die seit 2003 für Wörwag unter anderem Farbtrends zu Exterieur- und Interieurlacken ermittelt, leitet sich vom Asteroiden des kleinen Prinzen aus der gleichnamigen Erzählung Antoine de Saint-Exupérys ab.

In der Hinterhofatmosphäre ist ein Gestaltungskosmos entstanden. „Am Moodboard lesen wir ab, was der Klient mit seiner Marke und seinem Produkt braucht, um in der Welt von morgen Erfolg zu haben“, erklärt Christoph Häberle, der B612 im Jahr 1996 gegründet hat. Außerdem forscht und lehrt er als Professor für Verpackungsdesign an der Hochschule der Medien Stuttgart. Sich durch Farben auszudrücken, ist die am höchsten differenzierte Form nonverbaler Form der Kommunikation. Dahinter stecken nicht nur individuelle Vorlieben, sondern vor allem kollektive Lebenseinstellungen und Wertvorstellungen.

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„Eine zentrale Frage ist: Wie viel Anarchie, wie viel Bruch mit der Konvention, trauen wir der Zielgruppe Gesellschaft zu?“

Professor Dr. Christoph Häberle

Zielgruppe Gesellschaft

Aber warum soll Chrystal Caramel plötzlich im Trend liegen? Humberto Maturana, renommierter chilenischer Biologe und Psychologe, umschreibt den Begriff Trend mit dem Bild eines Mannes, der am Rand einer Klippe steht und trotzdem einen Schritt nach vorne wagt. „Jedes Mal, wenn er ins Nichts tritt, wächst die Klippe unter seinem Fuß weiter.“ Soll heißen: Damit Trends real werden, muss man einfach in die gewünschte Richtung aufbrechen. Mut ist eine Zutat, genaue Beobachtung eine andere.

Jürgen Ortmeier, Entwicklungsleiter bei Wörwag, sieht es so: „Trends werden nicht gesetzt, sie wachsen in der Gesellschaft heran. Daher wollen wir wissen, wohin sich die Welt entwickelt.“ Folgerichtig lautet für Häberle die zentrale Frage: „Wie viel Anarchie, wie viel Bruch mit der Konvention, trauen wir der Zielgruppe Gesellschaft zu?“ Trends entspringen dem Zeitgeist. Nur wenn ein Trend akzeptiert und begehrt wird, kann er sich entwickeln. Keimzelle ist oft eine Subkultur. Wie bei den Baggy Pants. Die weiten Hosen, deren Bund fast auf Kniehöhe getragen werden, entwickeln sich aus der Beobachtung heraus, dass Häftlinge den Gürtel abgeben müssen, wodurch die Hosen unter die Hüfte rutschen. In den neunziger Jahren greift die Hiphop-Szene diesen Look auf. Es entsteht der Gangsta-Rap. Snow- und Skateboardfreaks folgen. Aus der Subkultur wird Mode, die Textilbranche bringt passende Schnitte heraus. Trendscouts präzisieren das Marktpotenzial. Da nun die Unterhosen nicht mehr verborgen bleiben, können die Designer auch hier mit Materialien, Farben und Werbebotschaften spielen.

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Jürgen Ortmeier ist Leiter der Entwicklung bei Wörwag.

Jede Epoche hat ihre Farbwelt: Ereignisse und Themen sind ein Spiegel der Gesellschaft.

Modebereich als Keimzelle

Fast immer liegt die Keimzelle aller Trends im Modebereich. Nirgendwo sonst ist es leichter, die Persönlichkeit zu ändern. „Trend hat viel mit Identität zu tun“, meint Häberle. Wer sich von der Menge abheben möchte, wechselt die Kleidung. Sobald sich ein Trend kommerziell durchsetzt, springt er unaufhaltsam auf weitere Branchen über. Nicht immer auf alle. Und stets mit Zeitverzug. Von der saisonalen Mode über langlebige Gebrauchsgüter wie Autos bis zur Architektur. Wenn man berücksichtigt, dass die Trendfarben von heute erst in vier bis sechs Jahren auf der Straße zu sehen sind und dass Neuwagen im Schnitt zehn Jahre gefahren werden, ist auch klar, warum Fahrzeuglacke weniger grell sind als Modefarben.

Auf dem Laufsteg beginnt im Jahr 2000 auch die Renaissance der Farbe Weiß. Es folgen Apples iPod und Jahre später unzählige Weißvarianten bei Kfz-Basislacken. Aus der Krankenhausfarbe ist nicht nur ein Trend, sondern ein Klassiker geworden. Bei den Exterieurs explodiert der Weißanteil binnen weniger Jahre von vier auf gut zwanzig Prozent.

Dass Trendfarben auf Branchen, Märkte, Produkte und Vertriebswege abgestimmt sein müssen, zeigt auch das Beispiel Japan. Während sich dort Luxusschlitten in Weiß bestens verkaufen, wird ein weißer Kleinwagen als Affront wahrgenommen. Japaner assoziieren Weiß mit Größe, Freiheit und Reinheit. Es symbolisiert die Farbe nach dem Tod. Ein kleiner weißer Straßenflitzer wird daher zum Ladenhüter.

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Das schnellste Kommunikationsmedium

Auch die psychologische Wirkung ist enorm. Laut einer Studie des CAR-Instituts in Duisburg (Center Automotive Research) werden weiße Autos als besonders laut wahrgenommen. Fahrzeuge, die den persönlichen Geschmack treffen, empfindet man als leiser und angenehmer. Farbe als Orientierungspunkt für das eigene Verhalten? „In jedem Kontext trägt Farbe eine gelernte Bedeutung“, weiß Häberle. Der Professor legt das Foto einer Peperoni auf den Tisch: „Hier denkt man an Adjektive wie rot und scharf.“ Das nächste Bild zeigt einen roten Sportwagen. Rot gleich scharf, in diesem Fall interpretiert als schnell. Der Beleg: Rote Fahrzeuge hält die Polizei öfter an. Farbe ist das schnellste Kommunikationsmedium. Der Mensch orientiert sich an Farben und Formen. Eine Million Nuancen nimmt das Auge wahr.

Jede Epoche hat ihre Farbwelt. Ende der fünfziger Jahre dominieren helle, fruchtige Töne. Widersprüche kennzeichnen dieses Jahrzehnt, der Aufstieg aus den Trümmerwüsten des Krieges zum Wirtschaftswunder. Der wirtschaftlichen Expansion steht der Wunsch nach Geborgenheit in der Familie und sozialer Sicherheit gegenüber Schlagwörter wie Elvis, Fernsehen, Wirtschaftswunder, Petticoat haben Hochkonjunktur. In der nächsten Dekade wird es flippiger. Die Beatles begeistern eine ganze Generation, Pop-Art und der Minirock machen Furore. Satter noch werden die Farben in den Siebzigern, die mit psychedelischen Mustern in Knallorange, Dunkelbraun und Grellgrün aufwarten. Sie begleiten Flowerpower, Ölkrise und Schlaghosen.

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Von hellen bis zu flippigen Tönen: Die Farbwelten der Epochen zwischen Angst und Aufbruch.

Zwischen Übersättigung, Toleranz und Krise: Bunt heißt nicht automatisch fröhliche Zeiten.

Das Aussehen alleine reicht nicht

Ein Indikator ist auch das Kino. Blockbuster bestätigen die Massentauglichkeit von Farbtrends. So zog der Herr der Ringe eine mythische Palette nach sich – vom Eisengrau der Rüstungen bis zum idyllischen Grün des Auenlands. „Im Kino erkennt man die Bereitschaft der Masse, sich auf ein Thema einzulassen“, erklärt Jandke. Aus der orangenen Vase den einen Farbton herauszufiltern, ist nur ein Teil der Arbeit der Farbforscherin. Auf dem Weg zum Trend entscheidet auch die technische Machbarkeit. Oberfläche, Textur und Verarbeitung ergeben den außergewöhnlichen Effekt. Jandke arbeitet Hand in Hand mit den Entwicklern bei Wörwag. Orange kann jeder. Aber erst die spezielle Wörwag-Note macht daraus zum Beispiel Valenciaorange. Der mutige Farbstich, der Flop – also das Kippen des Farbtons je nach Lichteinfall – verwandeln ein fast bronzenes Braunorange ins trendige Chrystal Caramel.

Das Aussehen allein reicht nicht „Die Zukunft tendiert zu Grün, das ist kein Geheimnis. Aber wir müssen definieren, wie dieses Grün aussieht“, ergänzt Ortmeier. Der Entwicklungsleiter weiß: Farbe darf nicht nur schön aussehen. „Erst wenn sie technisch funktioniert, wird sie gekauft.“ Die neuen Trendfarben von Wörwag erfüllen daher die Voraussetzungen des Einsatzes im ressourcenschonenden Lackierprozess IPP (Integrated Paint-Process). Dass sich die Forschung lohnt, steht für den Chefentwickler außer Frage. Denn nur wer Position bezieht, wird unverwechselbar. Drei der zwölf Trendfarben bringt Wörwag derzeit für einen Automobilbauer zur Serienreife. Rosige Aussichten. Auch wenn Rosa bei Fahrzeuglacken wohl nur in Japan und Südkorea zur Trendfarbe werden kann.

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Jürgen Ortmeier

ist Leiter der Entwicklung bei Wörwag und lebt mit Farben. Und er liebt Blautöne. Daher gefällt ihm die neue Trendfarbe Diamond Eclipse besonders. Dass Wörwag selbst Trends setzt, hält er für unerlässlich, damit die Kunden die Firma als kompetenten Partner wahrnehmen. Wörwag bietet dazu ein Gesamtpaket: neue Farben und technische Innovation.