Interview

Farben und Psychologie

Sind wir verliebt oder sehen wir rot? Wirkt Rosa beruhigend? Und wie beeinflusst grünes Licht bei der Weinprobe den Geschmack? Ob Farben die Psyche überlisten können, erklärt der Psychologe Dr. Daniel Oberfeld-Twistel.

Blaues Licht für Autofahrer? Wenn die gelernten Farben der Ampel abweichen, kommt der Straßenverkehr ins Stocken.

Herr Dr. Oberfeld-Twistel, haben Sie schon einmal rot eingefärbten Weißwein getrunken?
Nein, noch nicht. Bekannt ist aber, dass sich selbst versierte Weinkenner täuschen lassen und in einem Weißwein plötzlich Rotweinaromen wahrzunehmen glauben, wenn man ihn mit Lebensmittelfarbe entsprechend färbt.

Sie fanden heraus, dass der Effekt der Farbe noch weiter reicht.
Ja. Bei Versuchen mit unserem Partner, dem Weingut Fritz Allendorf, haben wir Weine in farbig ausgeleuchteten Räumen serviert und festgestellt: Auch die Umgebungsfarbe fließt in den Geschmack ein. In roten Räumen beschrieben die Probanden den Wein als deutlich süßer und fruchtiger als bei Verkostungen in grüner oder blauer Umgebung. Für den Wein im roten Licht hätten sie fast sechs Euro pro Flasche ausgeben, für denselben Wein im grünen Raum nur gut vier.

Warum beeinflusst uns Farbe so stark?
Beim Essen ist es sinnvoll, dass die Farbe bei der Einordnung hilft und die Genießbarkeit signalisiert. Was nicht so aussieht, wie es soll, kommt uns komisch vor, sei es bräunlich-faules Obst oder grün gefärbtes Bier, wie man es in Irland am Saint Patrick’s Day serviert bekommt. Warum sich sogar das Licht auf den Geschmack auswirkt, haben wir aber noch nicht abschließend geklärt.

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Ganz in Grün? Bei diesem Bier fällt der Genuss schwer.

Lila statt Rot? Schwer vorstellbar. Denn ein lila Feuerwehrauto hätte es schwerer, sich durch den Verkehr zu kämpfen.

Welche Farben sind besonders beliebt?
Bei unserem Weinversuch wurde blaues Licht als sehr angenehm empfunden. Das entspricht den bekannten Farbpräferenzen. In westlichen Kulturen nennen Erwachsene Blau mit Abstand am häufigsten als Lieblingsfarbe. Hoch im Kurs stehen auch Rot und Grün. Gelb, Orange, Braun und alle anderen Farben landen abgeschlagen auf hinteren Plätzen. Bei Kindern ist die Streuung der Lieblingsfarben wesentlich breiter.

Was widerfährt uns, wenn wir zum Beispiel ein lila Feuerwehrauto sehen?
Auch wenn uns das lila Fahrzeug gefallen mag: Was nicht unserer Erwartung entspricht, lässt uns vorsichtig werden oder zumindest stutzen. In der Psychologie nennen wir das kognitive Dissonanz.

Machen Farben glücklich?
Wir wissen, dass kräftige – oder genauer: gesättigte – Farben Emotionen auslösen können. Rot, zum Beispiel, regt an oder erregt, was sich an körperlichen Reaktionen wie Pulsfrequenz und Hautleitfähigkeit messen lässt.

Warum? Weil wir im Lauf der Evolution gelernt haben, Rot mit Gefahr oder sexueller Attraktivität in Verbindung zu bringen?
Vermutlich nicht. Von einer reifen Erdbeere etwa geht keinerlei Gefahr aus. Eher ist eine kulturell gelernte Verknüpfung denkbar. So enthalten viele Warnschilder die Farbe Rot. Die genaue Ursache ist aber noch unklar.

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„Was nicht so aussieht, wie es soll, kommt uns komisch vor – sei es bei bräunlich-faulem Obst oder bei grünem Bier.“

Dr. Daniel Oberfeld-Twistel

Was passiert in unserem visuellen System, wenn wir eine Farbe sehen?
Auf der Netzhaut gibt es drei Typen lichtempfindlicher Zellen, sogenannte Zapfen, mit denen wir Farbe wahrnehmen. Rot sehen wir, wenn die für langwelliges Licht empfindlichen Zapfen am stärksten angeregt werden. Möglicherweise löst deren Aktivität rein physiologisch mehr Anregung und Erregung aus als andere Farben. Darüber ist noch sehr wenig bekannt.

Psychologischen Studien zufolge finden Männer dieselbe Frau im roten Shirt attraktiver als in einem blauen.
Stimmt. Als Ursache vermuten die Autoren die kulturelle Assoziation von Rot mit Sex. Vielleicht sind die Gründe auch gänzlich unromantisch: Der Mann wird von der Farbe rot angeregt und führt diese Emotion auf die Frau zurück. Die gefühlte Verliebtheit wäre also bloß eine körperliche Reaktion auf die Farbe.

Sind wegen dieser anregenden Wirkung auch viele Sportwagen rot?
Das könnte sein. Es gibt eine Studie, nicht zu Sportwagen, sondern zu Lokomotiven, die zeigt, wie Farbe unsere Wahrnehmung der Lautstärke verändert. Man hat den Teilnehmern rot und grün eingefärbte Dias von Zügen gezeigt und im Hintergrund Fahrgeräusche eingespielt. Beim Betrachten roter Züge wurden die Geräusche lauter empfunden, als bei den grünen Bildern.

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Red Heat? Ein Stadion mit einem roten Rasen dürfte selbst die hartgesottensten Fußballfans verstören.

Experte: Dr. priv.-doz. Daniel Oberfeld-Twistel

Rosa dagegen soll besänftigen …
Diese Idee tauchte in den siebziger Jahren in den USA auf. Es ging damals um die Farbe von Gefängniszellen. Man richtete rosafarbene „Beruhigungszellen“ ein, die angeblich eine fantastische Wirkung hatten. Heute gibt es solche Zellen auch in Deutschland. Wir haben aber keine einzige methodisch saubere Studie gefunden, die diesen Effekt tatsächlich nachgewiesen hätte. Außerdem wissen wir mittlerweile, dass die Fixierung auf den Farbton zu falschen Schlüssen führt. Mindestens ebenso wichtig sind die Helligkeit und die Sättigung. Emotionale Effekte erzielt man nur mit satten, kräftigen Farben. Die Sättigung beeinflusst die Erregung sogar stärker als der Farbton. Enthält der Ton einen zu hohen Weiß- oder Schwarzanteil verblasst die Wirkung.

Was halten Sie von Ratgebern zur Heilwirkung der Farben oder von Tipps zur Steigerung der Kreativität per Wandfarbe?
Über die Effekte von Farben kursieren kühne Behauptungen. Die wenigsten sind wissenschaftlich untermauert, die meisten gehören vermutlich eher ins Reich der Fabeln und Legenden. Viele Fragen zur psychologischen Wirkung der Farben sind schlicht noch unbeantwortet. Das macht dieses Forschungsgebiet so spannend …

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Dr. priv.-doz. Daniel Oberfeld-Twistel

forscht und lehrt am psychologischen Institut der Johannes-Gutenberg- Universität zu Mainz. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die visuelle Wahrnehmung, Psychoakustik, Methoden und Statistik. Seine Lieblingsfarbe ist Blau.